
X-Rated ist wohl das einzige Genre-Fanzine Deutschlands, welches in den frühen 1990er Jahren gegründet wurde und noch immer fortbesteht. Matthias Bogner hat vor etwa drei Jahren den Posten des Herausgebers von Andreas Bethmann übernommen und beantwortet in diesem Interview einige Fragen zur Vergangenheit und Zukunft des Magazines. Ferner liefert er ein Statement zur deutschen Independent-Filmszene.
Christian Lorenz (CL): X-Rated ist ja sehr mit dem deutschen Independent-Horrorfilm verbunden, der dank diverser Splatterstreifen ziemlich in Verruf gekommen ist. Was denkst Du über aktuelle Amateur-Produktionen?
Matthias Bogner (MB): Erstmal ist die Verbundenheit zwischen X-Rated und dem deutschen Independent-Horror wohl noch auf die Tage des Andreas Bethmann zurückzuführen, der ja ausgiebig die Werbetrommel für seine eigenen Produktionen und für die befreundeter Filmemacher rührte. Momentan gibt es in meinen Augen aber keine deutsche Independent-Horrorfilm-Szene mehr, da kommt größtenteils nur Schrott raus. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel und Perlen des deutschen Undergrounds stellen wir auch noch weiterhin vor und supporten die Macher. Hier könnte man in letzter Zeit die Produktionen Graveyard of the Living Dead oder Knochenwald nennen. Das große Problem des deutschen «Horrornachwuchs» ist einfach die Ideenarmut und das Festhalten an alten Idealen. Alle wollen Schnaas kopieren, wollen Ittenbach kopieren, aber denen fällt doch größtenteils auch nichts Neues mehr ein. Ein Blick nach Amerika oder England zeigt auch, dass der Independentmarkt sehr wohl florieren und qualitativ einigermaßen hochwertig sein kann. Schau Dir nur mal The Zombie Diaries an, so einen Film hätte es aus Deutschland nie gegeben, da dreht man lieber die gefühlte 250. Kopie von Halloween oder einem anderen Slasher. Ein weiteres Problem der Undergroundszene weltweit ist es, dass die aktuellen Hollywoodproduktionen - insbesondere die Vertreter des Torture-Porn-Genres - blutiger und brutaler sind als je zuvor. Konnten in den 80er/90er Jahren die kleinen Amateurfilme noch durch Splattereffekte punkten, so lacht heute jeder darüber, da man das alles schon im Kino gesehen hat und dazu auch noch meistens handwerklich besser umgesetzt.
CL: Würdest Du X-Rated als «Sprachrohr» der Amateurfilm-Szene bezeichnen?
MB: Was heißt «Sprachrohr»? Der Anteil der Besprechungen der deutschen Amateurfilme wurde aus den oben genannten Gründen auf ein Minimum zurückgefahren. Kommen gute Amateurfilme, besprechen wir diese und geben den Machern eine Plattform, aber die Macher müssen sich verdammt noch mal anstrengen und nicht ein 08/15-Werk abliefern. Meine Antworten klingen jetzt vielleicht härter als sie eigentlich sind, aber ich erwarte einfach mehr Innovation. Innovation und die Lust einen geilen Film zu drehen.

CL: Kommen Independent-Filmemacher auf Dich zu oder musst Du ihnen Interviews und Hintergrundberichte aus der Nase ziehen?
MB: Das ist unterschiedlich. Natürlich kriegen wir viele Anfragen von Filmemachern auch aus dem Ausland, aber die kann man nicht alle bedienen. Du musst ja den Leuten auch ein Feedback geben, wenn Du ihren Film gesehen hast, das erwarten Sie ja. Natürlich gehen wir auch auf Filmemacher zu und fragen nach Material, Interviews, etc, wenn uns die Produktion zusagt bzw. uns interessiert. Aber hauptsächlich kommen die Leute auf uns zu.
CL: Andreas Bethmann war der Begründer Deines Magazins, beziehungsweise des Vorgängers Art of Horror. Aus welchen Gründen hat er seine Tätigkeit als Herausgeber eingestellt?
MB: Ich möchte zu Andreas gar nicht so viel sagen, er hat einfach mit dem Kapitel abgeschlossen um sich seiner Filmerei zu zuwenden. Er hat/hatte ja noch sein DVD-Label X-Rated und ist mittlerweile bei einem anderen Filmverleiher angestellt.
CL: Zumindest als Artikel-Lieferant scheint Bethmann aber immer noch für X-Rated aktiv zu sein...
MB: Nein, das ist nicht korrekt. Es gab vor geraumer Zeit leider einen Zwischenfall, der nicht ganz so glücklich war und seitdem hat sich das Thema Bethmann als Artikel-Lieferant erledigt. Ich möchte aber nicht näher darauf eingehen. Er ist definitiv nicht mehr als Schreiber tätig.
CL: Seit etwa drei Jahren bist Du nun Chefredakteur bei X-Rated. Warst Du bereits vorher für dieses oder andere Magazine tätig?
MB: Ich hatte angefangen Online-Kritiken für den österreichischen Mailorder D&T, besser bekannt als DTM, zu schreiben. Andreas, für dessen DVD-Label ich damals mehr oder weniger für die Internetpromotion zuständig war, rief mich an und fragte mich, ob er ein paar meiner Reviews in seinem Magazin abdrucken könnte. Das war ich natürlich geflashed und stimmte zu. Mit der Zeit wurde ich dann zum Redakteur und wie es ausging ist ja bekannt, ich habe das Zepter an mich gerissen. *grins* Im Ernst: Andreas hat mich gefragt ob ich das Magazin nicht übernehmen möchte, da er unbedingt damit aufhören wollte.
CL: Es war bestimmt keine schwere Entscheidung, "X-Rated" weiterzuführen...
MB: Das X-Rated-Magazin ist ein Kultblatt in der deutschen Horrorszene, ich war begeisterter Leser und Fan. Mir blieb gar nichts anderes übrig als dieses Magazin fortzuführen.
CL: Um mal ein wenig in den Klischees zu wühlen: ist der Redakteur eines Splatter-Fanzines ein Horror-Junkie oder gibt er sich auch hin und wieder mit «normaler» Filmkost zufrieden?
MB: Der Horror kommt natürlich an erster Stelle, aber ich bin mitnichten ein sturer Genreverfechter, der sich 24/7 nur Horrorkost reinzieht. Ich schau den Film, der mir gefällt, egal ob es nun Action, Drama, Komödie oder Asia-Gedöhns ist. Zu meinen Lieblings-Nicht-Horror-Filmen zähle ich Last Boy Scout, 300, Der blutige Pfad Gottes, Der Pate, Star Wars, Rambo und noch unzählige andere, die mir gerade nicht einfallen. Mein liebster Horrorfilm ist aber immer noch Tanz der Teufel und der wird es auch immer bleiben.
CL: Momentan gibt es ja mit Saw und Hostel einen regelrechten Folterfilm-Trend. Gibt es Grenzen bei der Motivwahl, die im Heft abgedruckt wird, oder gilt das Motto «Je blutiger, desto besser»?
MB: Puh, schwere Frage, ich schicke immer eine ganze Latte von Bildern an den Verlag, der sowohl Satz als auch die Litho macht. Der entscheidet dann - natürlich mit meiner Zustimmung - welche Bilder im Heft landen und welche nicht. Für das Cover wählen wir meist schon ein eher plakatives Bild oder erstellen eine Montage. Es muss aber nicht unbedingt blutig sein.
CL: Gab es in der fünfzehnjährigen Geschichte von X-Rated bereits Probleme mit der Zensur oder übereifrigen Moralaposteln?
MB: Ernsthaft noch nicht, sprich es wurde noch kein Heft indiziert oder beschlagnahmt. Allerdings wurden bei einer Razzia ein paar Hefte einkassiert. Das ist aber schon lange her und ich denke nicht, dass da noch etwas kommen wird, auch wenn die Mühlen der Gerichte langsam mahlen.
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