Ein Artikel von Harald Dolezal

Geboren wurde der fantastische Film mehr oder weniger in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts. Vor allem die Kurzfilme von Georges Meliès (seit 1896) machten das Genre einem größeren Publikum zugänglich. Nachdem die etwas naiven Filme von Meliès Mitte der 1910er Jahre nicht mehr gefragt waren, setzte man in Deutschland neue Maßstäbe durch Regisseure wie Robert Wiene, Paul Wegener, Friedrich Wilhelm Murnau und besonders Fritz Lang. Die Begriffe Horror, Science Fiction oder Fantasy gab es damals noch nicht. Sie wurden erst in den 1930er Jahren populär. Es blieb auch einer Deutschen überlassen sich erstmals den «germanischen» Genrefilmen der 1910er und 1920er Jahre in Buchform zu nähern. Keine Geringere als die legendäre Film-und Theaterkritikerin Lotte H. Eisner schuf mit dem Werk L'Ecran Demoniaque das wohl erste wichtige Buch über diese Filme und ihre Entstehungsgeschichte. Allerdings war Deutschland in den frühen 1930er Jahren kein gutes Pflaster für solch ein Werk. Eisner emigrierte 1933 von Berlin nach Paris. 1952 erschien ihr Werk erstmals in Paris und widmete sich ausschließlich dem deutschen Film von 1913 (Der Student von Prag) bis 1933 (Das Testament des Dr. Mabuse). Erst 1955 als Dämonische Leinwand gab es eine erweiterte deutsche Ausgabe. Das Cover ziert ein Bild aus Orlacs Hände (1924). Nicht das gesamte Buch handelt vom fantastischen Film, aber zumindest große Teile daraus. Fast alle Fotos stammen aus Genrefilmen wie Das Kabinett des Dr. Caligari, Der Golem, Die Büchse der Pandora, Faust oder Metropolis. Es gibt am Ende auch eine Filmografie mit Stabangaben.
Die Amis waren zwar die Ersten auf dem Mond, aber bei der Fachliteratur bezüglich Genrefilmen, waren ihnen die Franzosen meilenweit voraus. Praktisch die erste Publikation zum Thema war die Nr. 20 des populären A5-Filmblattes Cinema 57. Kein Geringerer als Forrest J. Ackerman entdeckte eine Ausgabe davon und überzeugte den Herausgeber James Warren, dass sich so etwas in den USA auch verkaufen würde. Ein Jahr später wurde Famous Monsters of Filmland gegründet und bis heute ist es das wichtigste (nicht das beste) Filmmagazin eines jeden Monsterfans geblieben. Cinema 57 Nr. 20 mit dem Untertitel Le Fantastique auf dem Cover bot bereits im Juli/August 1957 dem Genreliebhaber alles was das Herz höher schlagen lässt. Auf 146 Seiten gab es zu unzähligen Fotos kurze Artikel über diverse fantastische Filmthemen. Auch ein Foto vom zweiten Godzilla-Film (der ja erst 1959 in den USA anlief) war bereits zu finden. Monster waren bereits hier ein zentrales Thema. Lotte Eisner schrieb eines der Kapitel (natürlich über die deutschen Fantasy-Filme). Der Wert dieses Heftes wird in dem US Price-Guide Monster Magazine & Fanzine Collector's Guide # 2 (bei dem ich auch mitarbeiten durfte) mit $ 1000 - 1500 in sehr gutem Zustand angegeben. Es ist tatsächlich eines der zehn seltensten und teuersten Monster-Hefte der Geschichte. In Europa zahlt man allerdings (insofern mal eines auftaucht) weitaus weniger dafür.
Das eigentlich erste Buch (Cinema 57 gilt als Magazin) kommt aus......ja richtig, der Kandidat hat 1000 Punkte.....Frankreich. Michel Laclos und sein Le Fantastique au Cinema (1958) war der Erste, der sich mit dem fantastischen Film in Buchform auseinandersetzte. Dieses, Anfang 1958 im Hardcover erschienene Buch hat 35 Seiten Text und 200 Seiten Fotos. Jeder weitere Kommentar erübrigt sich hiermit. Inkludiert ist alles von Georges Meliès über die expressionistischen deutschen Stummfilme, Frankenstein-Filme, Werwölfe, Vampire, Geister, Meerjungfrauen, Mumien, Freaks, kleine Menschen, große Menschen, Dr. Jekyll, Unsichtbare, Riesenaffen, Teufel, fliegende Untertassen, Roboter, Dinosaurier, Katastrophen, Monster u.s.w. Fast alle Spektren des Genres sind hier schon zu sehen. Ein Foto von Godzilla fehlt auch hier nicht (diesmal vom ersten). Und auch sonst gibt es schon viel Rares und Obskures zu sehen.

A.S. Labarthe (der bereits ein Kapitel in Cinema 57 Nr.20 schrieb) und J. Siclier sind ebenfalls als Pioniere anzusehen. Ihr Buch Images de la Science-Fiction erschien 1958 in Paris. Das Format und die Aufmachung erinnern sehr stark an Cinema 57 nur mit weniger Fotos. Dieses Buch unterhält auf mehr als 140 Seiten und deckt alles ab was SF-Filme bis Ende der 50er Jahre zu bieten hatten. Von Meliès bis Godzilla reicht auch hier die Bandbreite. In erster Linie geht es diesmal um US-Filme.
Die Franzosen waren nicht nur bei Genrefilmen und Büchern die Ersten, sondern auch bei Magazinen (siehe Cinema 57 Nr.20). Besonders erwähnenswert wäre die 24 Ausgaben umfassende Reihe Midi-Minuit Fantastique (1962 bis1970), bei der jedes einzelne Heft eher einem Kunstkatalog glich. So viele Nacktfotos wie in dieser Reihe sah man lange nicht mehr in dieser Form. Und damit meine ich nicht nur Filme von Jean Rollin (der hatte ja Heimvorteil). Erstmals gab es hier einen Bericht über die Vergewaltigungsorgien eines Koji Wakamatsu in Wort und Bild (Nr. 21). Und nicht zu vergessen die legendäre Nr. 8, in der es nur um Erotik im fantastischen Film ging (von Peeping Tom bis Blood Feast). Und das bereits 1964! Die besten Autoren widmeten sich hier nicht nur den üblichen Themen, sondern auch so ausgefallenen wie «Vamps Fantastiques» (ganze Ausgabe Nr. 2), King Kong (Nr. 3 ganzes Heft), Dracula Nr. 4-5), William Castle, Roger Corman, Bert I. Gordon, Barbara Steele, Edgar G. Ulmer, Fu-Manchu und Berichte über Filme wie She Freak oder The Ghastly Ones von Andy Milligan (die anderswo totgeschwiegen wurden). Die ersten Ausgaben werden um die 100 Euro aufwärts gehandelt und die Nr. 8 um das doppelte und mehr. Spätere Hefte (ab Nr. 9) sind etwa 35-45 Euro wert. Die Franzosen haben's drauf ! Wer sonst würde bereits 1964 ein Buch mit dem Titel Le Sadisme au Cinema machen. Natürlich mit reichlich deftigen Fotos für die damalige Zeit.
Es waren erneut Forrest J. Ackerman und James Warren die mit den Taschenbuchausgaben The Best of Famous Monsters of Filmland, Son of Famous Monsters of Filmland und Famous Monsters of Filmland strike back! zwischen 1964 und 1965 den amerikanischen Monsterfilmbuchmarkt ankurbelten. Jedes der drei Bücher bot auf etwas mehr als 160 Seiten diverse Artikel aus der gleichnamigen Heftserie (selbstverständlich mit unzähligen Fotos). Der derzeitige Handelswert liegt um die 100 Euro pro Stück in Topzustand. Von Famous Monsters inspiriert war der erste Autor auf amerikanischem Territorium, Brad Steiger, der 1965 die beiden Bücher Master Movie Monsters und Monsters, Maidens & Mayhem: A Pictorial History of Hollywood Film Monsters (beide bei Merit erschienen) veröffentlichte. Diese Frühwerke der Filmliteratur sind noch relativ einfach verfaßt. Auf ca. 130 Seiten gibt es jedoch zahlreiche (schöne, aber kaum seltene) Fotos zu betrachten. Später schrieb Steiger zahlreiche Bücher über unerklärliche Phänomene.

Das erste wirklich wichtige Buch stammt von dem in Havanna geborenen Carlos Clarens. An Illustrated History of the Horror Film erschien erstmalig 1967 im Hardcover (Verlag Putnam). Die guten Kritiken und der Verkaufserfolg führten bereits 1968 zu einer erweiterten Neuauflage unter dem Titel Horror Movies: An Illustrated Survey (Verlag Secker & Warburg sowie Panther im Jahr 1971). Wobei es sich hierbei um britische Ausgaben handelt. Ich habe neben der US-Erstausgabe auch noch ein Softcover-Exemplar aus dem Jahr 1979 (Verlag Paragon) und bei Da Capo Press ist unter dem erweiterten Titel An Illustrated History of Horror and Science Fiction Films vor kurzem eine weitere Neuauflage erschienen. All dies spricht für die Wichtigkeit und auch die Qualität des Werkes. Carlos Clarens war zuerst Schreiber bei Magazinen wie Film Quarterly und Films in Review bevor er dieses Standardwerk schrieb. Mit Crime Movies folgte noch ein zweites, bevor er 1987 an Herzversagen starb. Sein kleines Meisterstück berichtete auf mehr als 250 Seiten über die Geburt des fantastischen Films in Frankreich, über den deutschen Genrefilm bis Anfang der 1930er Jahre, über die US-Stummfilme und des weiteren über die grossen Klassiker bis hin zu damaligen zeitgenössischen Filmen aus aller Welt (a la Alphaville und die Filme von Mario Bava). Es gibt drei Fototeile in denen hauptsächlich die wichtigen Genretitel berücksichtigt werden (teilweise aber grossartige und seltene Motive).
In England war es Denis Gifford, der mit Büchern wie Movie Monsters (Studio Vista in U.K. und Dutton in den USA 1969), Science Fiction Film (Studio Vista/Dutton 1971), A Pictorial History of Horror Movies (Hamlyn 1973) und Monsters of the Movies (Carousel-Transworld 1977) als erster Aufsehen erregte. Allesamt mehr oder weniger brauchbare gut bebilderte Bücher von einem Fachmann geschrieben.
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