Von Stummfilm-Klassikern zu neuesten Animationsfilmen, von millionenschweren Blockbustern zu eher stillen Arthouse-Juwelen: Filmprogramme gibt es einfach für jedes Filmgebiet. Die Vielfalt reicht von den «klassischen», aus einem einzigen Blatt gefalteten Programmen bis zu fast einhundert Seiten umfassenden Publikationen im Taschenbuch-Format. Die Zutaten sind jedoch - zumindest grob betrachtet - identisch: ein hübsches Titelblatt, die namentliche Nennung einiger Stars oder Starlets, die obligatorische Inhaltsangabe und natürlich möglichst viele Bilder... das Auge isst schließlich mit. Viele Serien ab Ende der 1970er Jahre bieten zusätzlich noch Berichte von Dreharbeiten, Filmkritiken und hin und wieder sogar biografische Daten der Filmbeteiligten. Dieser Artikel soll einen kleinen Einblick in die Geschichte der Filmprogramme gewähren und erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Noch längst sind die Kindertage der Kinematographie nicht in allen Einzelheiten dokumentiert und auch bei den Filmprogrammen der Stummfilm-Phase gibt es noch Einiges zu erforschen. Immer wieder tauchten im vergangenen Jahrhundert kurzlebige Programmreihen auf, die ebenso schnell wieder verschwanden... und hier keine Erwähnung finden sollen. Doch eines steht fest: heute ist das Sammeln von Filmprogrammheften ein unglaublich vielseitiges - und manchmal auch ein kostspieliges - Hobby. Willkommen beim unserem kleinen Filmprogramm-Führer!

Ein Artikel von Christian Lorenz
Im Jahre 1900 befand sich das Filmhandwerk noch in den Kinderschuhen. In verschiedenen Ländern Europas und den USA experimentierte man mit dem neuen Medium, dessen Potential zu dieser Zeit wohl noch niemand erahnen konnte. 1903 erzielte der Amerikaner Edwin S. Porter schließlich einen Durchbruch: er inszenierte mit Der große Eisenbahnraub (The Great Train Robbery) den ersten, immerhin zwölf Minuten dauernden Film, der wirklich eine Geschichte erzählte und die neue Kunstform von der Experimental- in die Unterhaltungsphase führte. In den folgenden Jahren wuchs langsam, aber stetig, das Angebot an Filmen. Für die etwas betuchtere Gesellschaft zeigten Varieté-Theater die bewegten Bilder auf ihren Leinwänden, und weniger wohlhabende Bürger konnten auf Jahrmärkten über die Filme staunen, welche von Schaustellern mit ihren Wanderkinos zu ihnen gebracht wurden.
Irgendwann zu dieser Zeit schlug auch die Geburtsstunde der Filmprogramme. Die ersten Programme boten jedoch nur dürftige Informationen zu den aufgeführten Filmen, denn es gab schlichtweg kein Bild- oder Textmaterial, dass man hier präsentieren konnte. Die Spieldauer der damaligen Filme betrug in den seltensten Fällen kaum mehr als einige Minuten, so dass man selbst mit einer ausführlichen Inhaltsangabe nur wenige Zeilen füllen konnte. Aufstellungen der Personen vor und hinter den Kameras sowie biografische Daten waren jener Tage noch völlig belanglos, da das Zeitalter der Filmstars und Meister-Regisseure noch in ferner Zukunft lag. Die «Filmkritik» wurde erst gegen 1915 erfunden... und vorzeigbare Szenenfotos existierten ganz einfach nicht. Wenn man alle diese Faktoren berücksichtigt, blieb wirklich nicht mehr viel Material für ein Filmprogrammheft nach heutigem Standard übrig... Erste Filmprogramme beschränkten sich daher auf das Präsentieren des Filmangebotes eines Kinos, ähnlich wie den Spielplan eines Theaters.
Die Wende kam erst Anfang der 1920er Jahre, als findige Geschäftsleute die «Kommerzialisierung» der Filmprogramme für sich entdeckten. Sie bemerkten, dass Besucher der Kintopp-Veranstaltungen ein Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen wollten... schließlich war ein Film etwas, das man nicht jeden Tag zu Gesicht bekam. Filme wiesen mittlerweile eine Spieldauer von etwa einer Stunde auf, und mit Robert Wiene (Das Cabinet des Dr. Caligari) oder Friedrich Wilhelm Murnau (Nosferatu, eine Symphonie des Grauens) tauchten bald Regisseure auf, deren Namen sich zumindest den regelmäßigen Kinobesuchern eingeprägt hatten. Mit den rasanten Fortschritten des Film-Mediums existierte nun auch genug Material, um Filmprogramme ansprechend, reichlich illustriert und damit für das Filmpublikum interessant, zu gestalten.

1916 startete in Österreich die erste Filmprogrammreihe, die viele Jahre bestehen sollte. Sie nannte sich Paimann's Filmlisten: Wochenschrift für Lichtbild-Kritik und wurden von Franz Paimann herausgegeben. Die ersten Ausgaben wurden in Briefform an Kinobetreiber versendet, damit diese sich vorab über das Filmangebot informieren konnten. Die wöchentlich erscheinende Publikation wurde erst 1921 zu einer Druckschrift. Paimann's Filmlisten sind heutzutage für Filmhistoriker ein wichtiges Hilfsmittel, die Filmgeschichte Österreichs zu rekonstruieren. Neben Stab- und Darstellerangaben findet man Angaben zu den Produktionsfirmen der Filme, Altersempfehlungen, Genres, exakte Laufzeiten und sogar Erstaufführungs-Daten. Diese Informationen wurden mit Inhaltsangaben und Kritiken ergänzt. Erst 1965 stellte man diese Reihe ein, die somit 49 Jahre der Wiener Filmgeschichte lückenlos dokumentierte! Eine weitere frühe und filmhistorisch bedeutsame Filmprogrammreihe waren die Programmhefte des Kivur Kino-Reklame-Verlages Gustav Kübart. Die ebenfalls in Wien publizierte Reihe erschien in den Jahren 1919 bis 1932 und bildete mit (geschätzten) über siebentausend Ausgaben die größte Stummfilm-Programmserie... wobei nicht verschwiegen werden sollte, dass die frühen Ausgaben kaum mehr als einfache und unillustrierte Handzettelchen waren. Nur wenige der späteren Kivur-Programme widmeten sich den Tonfilmen. Heutzutage sind diese Filmprogramme echte Raritäten und kaum außerhalb von Museen anzutreffen. Ein Register aller Kivur-Programme existiert leider bis heute nicht, da viele Ausgaben wahrscheinlich verschollen sind.
Im gleichen Jahr wie das Kivur-Filmprogramm startete auch Deutschlands älteste und zugleich bekannteste Vorkriegs-Filmprogrammreihe. Auch der Illustrierte Film-Kurier behandelte in den ersten Jahren ausschließlich Stummfilme, unterschied sich vom Layout her jedoch stark von der österreichischen Publikation. Auf acht Seiten im Format von 29 x 23 cm lieferte man zwar nur knappe Darstellerlisten, doch dafür ausführliche Inhaltsangaben, manchmal auch Produktionsnotizen und ein reichhaltiges, zum Teil seltenes Bildmaterial. Der Illustrierte Filmkurier Berlins behandelte auf diese Weise einen Großteil aller Filme, die während seiner Erscheinungszeit bis zum Jahre 1944 zu sehen waren... und brachte es auf etwa 3400 Ausgaben! Erst in den letzten drei Jahren seines Bestehens schrumpfte die Größe der Hefte durch die kriegsbedingte Papierknappheit auf das kleinere A5-Format. Im Reprint-Bereich dieser Webseite können Sie das seltene Filmprogramm zu dem deutschen Expressionismus-Klassiker Das Cabinet des Dr. Caligari aus dem Jahr 1919 komplett bestaunen. Ein Original dieses Filmprogrammheftes erzielt heute Preise von über 800 Euro, und gehört damit zu den teuersten Filmprogrammheften überhaupt.Nach dem Krieg wurde der Illustrierte Film-Kurier kurze Zeit wiederbelebt, doch nach 217 Ausgaben (mit teils chaotischer Nummerierung, geordnet nach den Besatzungszonen Berlins) war das Ende dieser Reihe endgültig besiegelt.

Auch die in Berlin ansässige UFA (Universum Film Aktiengesellschaft) brachte ab 1926 eine eigene Filmprogrammreihe heraus. Es handelte sich hier um die achtseitigen ParUfaMet-Filmprogramme, die natürlich ausschließlich Filme behandelte, die von den drei Partnern des ParUfaMet-Vertrages produziert wurden. Dieser Vetrag war eine Vereinbarung zwischen den in einer tiefen Finanzkrise steckenden UFA-Filmstudios mit den amerikanischen Unternehmen Paramount und Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Durch geschickte Vertragsklauseln konnten sich die Amerikaner ganze drei Viertel der gesamten zur Verfügung stehenden Kino-Spielzeit sichern, was deutsche Filme regelrecht aus den Kinos verbannte und stattdessen die Lichtspieltheater mit US-Filmen überschwemmte. Während des nur dreijährigen Bestehens des ersten ParUfaMet-Vertrages, also bis zum Jahr 1928, erschien auch diese Filmprogrammreihe. Doch für Ersatz war schnell gesorgt: noch im gleichen Jahr tauchte eine neue Filmprogrammreihe auf. Es war die ebenfalls auf Berliner Boden beheimatete Zeitschrift Lichtbild-Bühne, einem «Fachorgan für das Interessengebiet der kinematographischen Theaterpraxis», welche den Konkurrenzkampf mit dem Illustrierten Filmkurier aufnahm. Es entstand eine Filmprogrammreihe, die auch heute noch Sammler zu begeistern weiß. Die achtseitigen Hefte sind sehr schön anzusehen und sind vom Aufbau ähnlich wie die beiden zuvor erwähnten Programmreihen. 1933 wurde das Filmprogramm Lichtbild-Bühne eingestellt, die Zeitschrift Lichtbild-Bühne existierte noch sechs Jahre länger. Übrigens war die 1908 gegründete Lichtbild-Bühne die erste Zeitschrift Deutschlands, welche Filmkritiken abdruckte!
Diese frühen Programmreihen konnte man damals für zehn Pfennige an den Kinokassen erwerben. Alternativ bestand sogar die Möglichkeit, Filmprogramme regelmäßig im Abonnement zu beziehen... was angesichts Tausender Ausgaben, die einige Reihen hervorbrachten, auf Dauer sicherlich auch eine kostspielige Angelegenheit war. Auffällig ist auch bei den Programmen der 1920er Jahre noch die stilistische Verwandtschaft zu den Souvenirprogrammen der Theater. Genau wie die Bühnenspiele mit Darstellern aus Fleisch und Blut gliederte man auch Filme in verschiedene Akte, was sich letztlich auch in den Inhaltsangaben der Filmprogramme wiederspiegelte. Erst mit dem Siegeszug des Tonfilmes brach man mit dieser Verbindung ab.

Eine weiteres «klassisches» Filmprogramm startete 1930 in Wien. Der Titel dieser Reihe lautete zunächst Film im Bild, wurde jedoch schon nach wenigen Ausgaben geändert in - jetzt mag es vielleicht etwas verwirrend werden - Illustrierter Film-Kurier! Diese recht dreiste Titel-Übernahme würde heute wohl diverse Anwälte beschäftigen, doch zu jener Zeit sahen die Herausgeber des Berliner Film-Kuriers das Ganze wohl eher auf die sportliche Weise. Auch diese Reihe bot den Käufern acht Seiten Umfang mit einem Format von 22 x 15 cm. Bis zum Jahre 1938 erschienen 2065 Ausgaben, danach wurde der Wiener Illustrierte Film-Kurier mit der Annektierung Österreichs ins Deutsche Reich eingestellt. Für die folgenden Kriegsjahre konnte man in österreichischen Kinos nur noch den Film-Kurier Berlins und das Programm von Heute (siehe nächster Absatz) erhalten. 1946 wurde der Illustrierte Film-Kurier mit neuer Nummerierung fortgesetzt.
Zurück nach Deutschland des Jahres 1933. Das Filmprogramm der Lichtbild-Bühne wurde eingestellt. Schnell tauchte eine neue Filmprogrammreihe am Horizont (natürlich Berlins) auf: Unser Hausprogramm. Die Programmhefte dieser Reihe waren unnummeriert und sind daher heute auch für Sammler nicht so interessant. Nach nur drei Jahren wurde Unser Hausprogramm von dem Programm von Heute abgelöst. Die einzelnen Ausgaben hatten jeweils sechs annähernd quadratische und ineinandergefaltete Seiten. Das Besondere am Programm von Heute waren «Künstler-Postkarten», welche durch vier kleine Schlitze im Titelblatt jeder Ausgabe befestigt waren. Heute findet man die Filmprogramme inklusive der dazugehörigen Postkarten nur noch selten. Das Jahr 1945 war das erste Jahr seit 1919, in dem in Deutschland keinerlei Filmprogramme herausgegeben wurden. Durch die Kriegswirren, die daraus resultierende Papierknappheit und natürlich die unsichere politische Lage wurden diese vom damaligen Standpunkt her «unwichtigen» Publikationen aufgegeben. Ganz ähnlich sah es in Österreich aus. Der Wiener Illustrierte Film-Kurier wurde bereits kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eingestellt. Lediglich Paimann's Filmlisten überdauerten als einzige Filmprogrammreihe den Krieg.
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