DE
Eine Buchkritik von Christian Lorenz

Ob im Kino, auf DVD oder im Fernsehen - jedes europäische Land hat eigene Regelungen, welche Filme ab welchem Alter freigegeben werden. Die Ergebnisse der länderspezifischen Filmbewertungs-Institutionen könnten dabei nicht unterschiedlicher ausfallen. Während Staaten wie Spanien oder die Niederlande bezüglich dieser Thematik sehr liberal sind und Eltern mehr Eigenverantwortung übertragen, was die Sehgewohnheiten des Nachwuchses angeht, so können Altersfreigaben in anderen Ländern - wie Großbritannien oder Deutschland - nur mit allerhand Bürokratie und noch mehr Paragraphen-Wirrwarr vergeben werden. Mit seinem Buch Gemeinsame Altersfreigabe von Horrorfilmen in Europa: Fiktion oder Wirklichkeit? verdeutlicht Markus Lai die Probleme, welche die Umsetzung von gesamt-europäischen Altersfreigaben mit sich bringen würden. Mit dieser Diplomarbeit beendete der Autor sein Studium der Erwachsenenbildung erfolgreich im Jahre 2005.

Gemeinsame Altersfreigabe von Horrorfilmen in Europa: Fiktion oder Wirklichkeit?

Um die Grenzen des Horrorgenres abzustecken, beginnt Lai mit verschiedenen Deutungen des Begriffes «Horror» und zeigt die mögliche Wirkung dieser Filme auf den Zuschauer. Dabei spannt er in knapper Form den Bogen von den Todes- und Folterdarstellungen klassischer Kunstwerke über die Schauerromane des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zum modernen Splatterfilm. An diesem Punkt geht Lai auch erstmals auf die Zensur von Filmen ein, die nicht nur von staatlichen Einrichtungen gefördert wird, sondern zum Teil auch von den Filmemachern selber - in Form der Selbstzensur aus wirtschaftlichen Interessen, um bereits vorab niedrigere Altersfreigaben sicherzustellen.
 
Eines der wichtigsten und interessantesten Kapitel in Lais Buch ist eine Zusammenstellung der deutschen Filmbewertungs-Institutionen wie die (nicht ganz) Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) oder die weniger bekannte Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW). Neben historischen Daten liefert der Autor hier noch zusätzliche Informationen über die Aufgaben der Institutionen, die Zusammensetzung der Prüfgremien sowie die eine detaillierte Erläuterung der Altersfreigaben mit Nennung der verschiedenen Faktoren, die letzten Endes einen Film für Kinder, für Jugendliche oder ausschließlich für Erwachsene zugänglich machen. Zu diesen zählen neben wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie ein Kind einen Film auffasst und verarbeitet, auch die «harten Fakten» aus dem Grundgesetz, dem Jugendschutzgesetz sowie dem Strafgesetz. Hierzu zitiert Markus Lai die wichtigsten Passagen aus den entsprechenden Gesetzestexten und kommentiert diese - ganz besonders in Bezug auf mögliche «Hintertürchen», die es den Gesetzgebern immer wieder gestatten, trotz zugesicherter Meinungsfreiheit und klarem Zensurverbot das Veröffentlichen bestimmter Filmfassungen wirkungsvoll zu verhindern. Im Anschluss geht der Autor auf die Situation in anderen europäischen Staaten ein, listet deren Altersfreigaben und die Bewertungskriterien auf und liefert auch einige Informationen zu den betreffenden Institutionen. Leider findet man zu den Situationen in den osteuropäischen Ländern kaum mehr als die aktuellen Gesetzestexte, aber nur spärliche Informationen zum tatsächlichen Umgang der Behörden mit dieser Thematik.

Ein dickes Manko des Buches ist ein direkter Vergleich der europäischen Altersfreigaben namhafter Horrorfilme wie Tanz der Teufel, Hellraiser oder Nightmare - Mörderische Träume. Im Grunde ist es zwar eine interessante Idee, die Freigaben einiger berühmt-berüchtigter Horrorfilme in tabellarischer Form aufzuführen, doch hier ist die Umsetzung leider missglückt: sowohl die Inhaltsangaben als auch die knappen Kommentare zu jedem Film sind sehr plump verfasst - oder gleich fehlerhaft wie am Beispiel Muttertag: «Drei Freunde [...] werden von zwei Irren in das Haus ihrer ebenfalls verrückten Mutter entführt und zu deren Vergnügen gefoltert und vergewaltig». Diese Ländervergleiche erwecken bisweilen den Eindruck, sie stammen aus einem schlechten Fanzine, als aus einem Buch mit «wissenschaftlichem» Anspruch!

Als Fazit seiner Diplomarbeit zieht Markus Lai, dass gemeinsame Altersfreigaben von Filmen innerhalb der europäischen Länder eine kaum durchführbare Aufgabe darstellen werden, da sich die kulturellen und gesetzlichen Eigenheiten und auch die moralischen Vorstellungen der einzelnen Länder so einfach nicht unter einen Hut bringen lassen. Eigentlich kein überraschendes Ergebnis, da die verschiedenen Bewertungskriterien wie der Gewaltfaktor, die Realitätsnähe der Filme, die Präsentation nackter Tatsachen oder selbst die Wortwahl der Protagonisten einfach zu unterschiedlich angelegt sind. Das Buch gewährt letztlich einen informativen Blick in die Freigaben-Praxis anderer europäischer Staaten, doch Markus Lai gibt wenig Hoffnung, dass sich die strengen deutschen Regelungen eines Tages an die unserer etwas «lockereren» Nachbarn annähern könnten.

Mein Mad Mags