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Eine Retrospektive von Christian Lorenz

Vor etwa drei Jahrzehnten belebten Filme wie Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, Die unheimliche Begegnung der Dritten Art und natürlich Krieg der Sterne das Science Fiction-Genre neu, welches seit den 1960er Jahren fast schon als Kassengift galt. Genrefans verschlangen jegliche Neuigkeiten in den Filmmagazinen, und sogar die grossen Tageszeitungen konnten den Hype um einige der millionenschweren Produktionen nicht mehr ignorieren. Doch abseits der bunten Glitzerwelt Hollywoods brodelte eine weitaus grössere Filmszene, mit der sich nur wenige Eingeweihte näher auseinandersetzten. Einer dieser Filmverrückten war Michael Weldon, der sich seit jeher besonders für Werke abseits des «Mainstreams» begeisterte. Er prägte den Begriff «Psychotronic Movies» für diese gerne totgeschwiegenen Filme... wobei sich das Wort aus «Psycho» und «Tronic» als Synonyme für Leinwandhorror und Science Fiction zusammensetzte. Doch «psychotronische» Filme handeln aus Weldons Sicht nicht nur von Monstern, Serienkillern oder Weltraumabenteuern. Sie gibt es vielmehr in fast allen Filmgenres - in Kriegsfilmen, Bikerfilmen, Actionstreifen und ganz besonders sogar im Exploitation-Bereich. Was sie alle verbindet, ist die Ignoranz der renommierten Kritiker, und das Abstempeln als puren «Trash». Erst Michael Weldon machte den «psychotronischen» Film dank seiner Publikationen salonfähig.

CLE

Weldon, der 1952 in Cleveland geboren wurde und später in Lakewood (Ohio) aufwuchs, entdeckte sein Faible für Low-Budget-Filme in den Double Features der dortigen Kinos. Neben dem Famous Monster-Gründer Forrest J. Ackerman gibt Weldon den Schauspieler Ernie Anderson als grösstes Vorbild seiner Jugendjahre an, der als Horror-Host Ghoulardi des Senders WJW-TV in Cleveland von 1963 bis 1966 die Show Shock Theater moderierte und nachts die obskursten B-Movies präsentierte. Nebenbei spielte Weldon auch in den Punkrock-Bands The Waters Edge und Mirrors. Letztere gehörte neben The Electric Eels und Rocket From the Tombs zu den Vorreitern der Untergrund-Szene Clevelands, bis sich alle diese Bands im Jahre 1975 nach und nach auflösten. Zu dieser Zeit verdiente er sich im Discodrome (kurz «The Drome» genannt), einem Geschäft für Importmusik und Punkrock, seine Brötchen. Ein glücklicher Zufall war es, dass der Besitzer des Ladens gemeinsam mit zwei anderen Personen im Frühjahr 1977 das Magazin CLE (kurz für «Cleveland») gründete. CLE war die erste einer ganzen Reihe von Publikationen, für die Weldon Artikel beisteuern konnte. Obwohl CLE ein Musikmagazin war, betreute Weldon schon hier eine kleine Rubrik für Filmtipps bei den lokalen Fernsehstationen. Es erschienen übrigens nur sieben Ausgaben bis 1996 - dank einer 14jährigen Pause zwischen 1981 und 1995!

1980 zog Weldon nach Manhattan mit dem Bestreben, sein filmisches Wissen in einer eigenen Publikation zu verbreiten. Schon bald erschien die erste Ausgabe des Psychotronic TV-Newsletters, der mit einem Minimum an redaktionellem Equipment erstellt wurde. Die Texte waren handgeschrieben, die einzelnen Blätter kopiert und zusammengetackert, aber immerhin erschien Psychotronic TV in den Jahren 1980 und 1981 im wöchentlichen Rhythmus! Wie schon bei seinen Artikel in CLE drehte sich alles um das «phantastische» Programmangebot der TV-Stationen.

Psychotronic Encyclopedia of Film

Zum grossen Teil aus den Artikeln des Newsletters entstand 1983 Michael Welsons The Psychotronic Encyclopedia of Film bei Ballantine Books, ein über 800 Seiten umfassendes Nachschlagewerk mit gesammelten Werken des Filmfans. Seinerzeit war dieses Werk ein Novum, denn erstmals konnte Weldon mehr Leser erreichen und diese in unbekannte Gebiete des Filmbusiness begleiten, in die renommierte Filmkritiker wie Roger Ebert oder Leonard Maltin keinen Fuss zu setzen wagten. Der Videojunkie fand hier mehr als dreitausend Filmbesprechungen, wovor der Durchschnitts-Kinogänger die Flucht ergreifen würde. Es gab Monster der 1950er und 1960er Jahre zu entdecken, dazu Alligatormenschen, Killertomaten, mexikanische Mumien, Gore vom Altmeister Herschell Gordon Lewis, Genreverquickungen wie Billy the Kid vs. Dracula... und mittendrin den ersten Horrorfilm in Zeichensprache: Deafula! Heutzutage mag das Angebot im Internet zu diesen wilden und schrägen Auswüchsen der Filmlandschaft schon recht gross sein, doch in der Psychotronic Encyclopedia of Film wird man auch jetzt noch immer Filme entdecken, die weitgehend unbekannt geblieben sind... und es wohl auch immer bleiben werden. Zu jedem Film lieferte Weldon Originaltitel und die wichtigsten Stabangaben (Regie, Drehbuch, Produktion) sowie eine auf wenige Sätze beschränkte Inhaltsangabe. Bei vielen Einträgen konnte man förmlich die Begeisterung zwischen den Zeilen herauslesen, die Weldon beim Konsumieren der Filme verspürt hatte. Auf markante Stellen ging er in den Reviews besonders ein - bei den Horrorstreifen selbstverständlich die blutigen Details, bei den speziell an ein männliches Publikum gerichteten Filmen jene Szenen, wenn weibliche Stars oder Starlets aus den Klamotten hüpfen. Das Ganze wurde mit Produktionsnotizen und Querverweisen zu anderen Produktionen ergänzt sowie mit Pressefotos, Stills und alten Werbeanzeigen illustriert.

Weldon erwies sich nicht besonders wählerisch bei dem Sammelsurium der besprochenen Filme. So entdeckte man hin und wieder auch einen Eintrag, der augenscheinlich nicht zum Rest passte - wie beispielsweise Kubricks Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb oder Spielbergs E.T. - The Extra-Terrestrial. Als ein grösseres Manko stellten sich jedoch manche Artikel heraus, die offensichtlich nur vom vorhandenen Werbematerial oder alten Zeitungsartikeln abgeschrieben wurden. In einem Interview gab Weldon zu, manche Filme nur «unter massiver Nutzung der Vorspul-Funktion» überstanden zu haben. Bedenkt man die Entstehungszeit dieses «Filmlexikons des schlechten Geschmacks», sollte man aber über diese Mängel hinwegsehen.

Mein Mad Mags

Creepy Images #4

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