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Psychotronic Video

Nach dem Veröffentlichen der Psychotronic Encyclopedia of Film wurden viele etwas aufgeschlossenere Filmfreunde auf ihnen bislang völlig unbekannte Produktionen aufmerksam. Sogar das Rolling Stone-Magazin widmete Michael Weldon und seiner Leidenschaft für oskures Kino einen Artikel. Das Interesse der Medien und Leser gestattete es ihm plötzlich, auch für andere Publikationen wie Fangoria zu schreiben und eine Zeitlang in amerikanischen und einigen europäischen Städten Filmfestivals zu veranstalten. Schon bald festigte sich der Wunsch, seinen Newsletter wiederzubeleben... diesmal allerdings in Form eines Magazines. Gemeinsam mit seiner Frau Suh Mi Hwa (aka Mia Weldon) eröffnete er 1989 den Psychotronic Store im Big Apple und veröffentlichte die erste Ausgabe von Psychotronic Video. Sein neues Magazin glänzte nicht mehr nur durch Filmrezensionen, sondern besonders durch Interviews und Biografien mit Filmemachern und Schauspielern, die in ähnlichen Publikationen eher selten zu Wort kamen. Dazu gehörten unter anderem Regisseur Larry Cohen (Die Wiege des Bösen), Darstellerin Karen Black (Haus der 1000 Leichen) oder Darsteller Sid Haig (Jackie Brown). Anfang der 1990er Jahre erzielte Psychotronic Video nicht zuletzt dank qualifizierter Co-Autoren gute Verkaufszahlen, so dass Weldon quartalsweise neue Hefte auf den Markt bringen konnte. Später machte ihm - wie unzähligen anderen Herausgebern - das Abwandern der Leserschaft zum kostenlosen Wild Wild Web zu schaffen, so dass die Erscheinungsweise auf zwei Ausgaben pro Jahr zurückgefahren werden musste.

Die Arbeit an einer Fortsetzung seiner Psychotronic Encyclopedia of Film gestaltete sich für Michael Weldon schwieriger als erwartet. Wegen Problemen mit dem Verlagshaus Pharos Books verschob sich die Veröffentlichung immer weiter nach hinten, bis der Verlag letztlich pleite war. In die Presche sprang St. Martin's Press, die den Psychotronic Video Guide 1996 endlich herausbrachten. Das Werk entstand ganz klar nach dem Motto «Klotzen, nicht kleckern». Der Video Guide umfasste mehr als neuntausend Filmrezensionen und damit dreimal soviele wie bei der Encyclopedia of Film. Natürlich war auch die Fortsetzung eine wahre Goldgrube an teils unglaublichen Produktionen. Etwa die Hälfte der Einträge stammte aus den Horror- und Science Fiction-Genres, der Rest bestand aus der gewohnt wilden Mixtur aus Italo-Western, «Women in Prison»-Gurken, Blaxpolitation, Martial Arts und «Pre-Pornos», die laut Weldon die Vorgänger der heutigen Hardcore-Pornos bildeten. Noch häufiger als bei Weldons erstem Buch musste man sich jedoch manchmal fragen, aus welchen Gründen kostspielige und hochkarätige Mainstream-Produktionen  wie Jagd auf Roter Oktober, Beverly Hills Cop, Das Schweigen der Lämmer oder auch The Abyss den Weg in dieses Werk fanden. Neben Trash wie Scream Queens Hot Tub Party oder Sex Kittens Go To College wirkten sie doch reichlich deplatziert, die Anzahl der Ausrutscher lag dank der gigantischen Menge an Kritiken aber nur im Promillebereich. Ein grösseres Ärgernis dieses zweiten Buches war dagegen die Menge der «Mikro-Reviews», die sich auf gerade mal einen knappen Satz zum Filmplot beschränkten, ohne in irgendeiner Weise eine Wertung über den Film abzugeben. Beispielsweise fand man bei Cliff Guest´s Disturbance lediglich die Bemerkung: «Timothy Greeson stars as a psycho who kills women». Nicht gerade besonders aufschlussreich...

Pschotronic Video Guide

Insgesamt wirkte der Psychotronic Video Guide etwas unausgereift - zwar wurden unzählige «psychotronische» Filme vorgestellt, die nach Weldons Definition wirklich in diese Schublade passten, doch sowohl an der Filmwahl und der Umsetzung des Buches gab es durchaus etwas auszusetzen. Insgesamt konnte daher Weldons Psychotronic Encyclopedia of Film eher überzeugen... zumal der Leser bei diversen Querverweisen des Video Guides ohnehin zur Encyclopedia verwiesen wurde. So fand man unter Day of the Dead zwar Hinweise auf die Vorgänger Dawn of the Dead und Night of the Living Dead, doch einen Eintrag beim zweiten Teil von Romeros wegweisender Zombie-Trilogie suchte man vergeblich, weil dieser Klassiker bereits in Weldons Psychotronic Encyclopedia of Film besprochen wurde...
 
Drei Jahre nach dem Veröffentlichen des Video Guides siedelte der Video Store von New York nach Chincoteague Island um, eine vom Tourismus lebende Insel vor der Ostküste Virginias. Bis zum heutigen Tag verkauft Weldon hier  neben den üblichen Merchandising-Materialien CDs, DVDs, Filmplakate, Bücher, Comics und Kleidung. Seine Gattin Mia hat sich auf Schmuck spezialisiert, der ebenfalls dort angeboten wird. Das Magazin Psychotronic Video wurde mittlerweile jedoch zu den Akten gelegt. Nach achtzehn Jahren erschien 2006 die 41. und letzte Ausgabe. Neben gestiegenen Kosten für Papier und Porto gibt Weldon auch die mangelnde Kooperationsbereitschaft mit anderen Buch- und Comicshops an. Als Psychotronic Video startete, konnte er sein Magazin über die kleinen und unabhängigen Händler absetzen, von denen heute leider kaum noch welche überlebt haben. Für die 42. Ausgabe lagen übrigens bereits mehrere Artikel und sogar schon ein Cover vor, die eventuell zukünftig online präsentiert werden sollen. So war ein Interview mit Regisseur Ray Dennis Steckler (Rat Pfink a Boo Boo), Darsteller Arch Hall Jr. (Eegah!) sowie James Lowe, dem Sänger der Gruppe The Electric Prunes (Easy Rider-Soundtrack), geplant.

Ob es neben Michael J. Weldon's Psychotronic Web wieder einmal etwas Gedrucktes von ihm geben wird, steht zur Zeit in den Sternen. In einem Interview betonte er, dass es vielleicht in ferner Zukunft ein drittes Buch geben könnte. Zur Zeit arbeitet er nebenbei als Radiojockey bei WCTG.FM und moderiert dort Michael Weldon's Psychotronic Music Show mit Songs der 1950er bis 1970er Jahre. Schmalzlocken-Elvis und quietschende Bee Gees haben ja auch in gewisser Weise etwas «Psychotronisches» an sich...

© Christian Lorenz

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