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Eine Retrospektive von Christian Lorenz

Filmmagazine rund um den «Phantastischen Film» gab es bereits seit dem Ende der 1950er Jahre. Doch Publikationen wie Forrest J. Ackermans Famous Monsters of Filmland, Horror Monsters oder The Monster Times hatten mit Journalismus wenig zu tun - sie alle sangen selbst auf die übelsten Genrefilme Lobeshymnen, ohne jemals Kritik an ihnen zu üben. Oftmals beschränkten sich die Autoren sogar nur darauf, die Filmhandlung mit möglichst vielen Illustrationen wiederzugeben. Frederick S. Clarke, eingefleischter Filmfan und damals Student an der University of Illinois in Chicago, konnte mit dieser Art der Berichterstattung nicht viel anfangen. Ihm war es ein Dorn im Auge, dass Science Fiction, Horror und Fantasy nicht als «vollwertige» Filmgenres anerkannt und in den Tageszeitungen bestenfalls belächelt wurden. Selbst die grossen Lichtspielhäuser mieden B-Movies wie eine Krankheit, so dass man viele der Genrefilme nur in den kleineren lokalen Kinos und den Drive-Ins sehen konnte. Im April 1967 veröffentlichte der zu dieser Zeit neunzehn Jahre alte Clarke die erste Ausgabe des Cinefantastique-Newsletters, der wie viele Veröffentlichungen dieser Art im Matrizendruck erstellt wurde.

Cinefantastique

1970 startete Cinefantastique dann im Magazinformat. Bereits die erste Ausgabe wurde auf hochwertigem Papier gedruckt und hob sich alleine schon dadurch von anderen Fanzines dieser Zeit ab. Auch die Inhalte dieser Debütausgabe boten etwas völlig Neues: man setzte sich erstmals auf seriöse Weise mit Genrefilmen auseinander und lieferte Informationen, die auch die weniger angenehmen Seiten des Filmgeschäftes beleuchteten... und nicht von den Presseabteilungen der Studios gefilterte Appetithäppchen. Bereits die auf 1000 Exemplare limitierte und damals für einen Dollar käufliche Nummer Eins von Cinefantastique bewies: der «Phantastische Film» war erwachsen geworden!

In den ersten Jahren ging es rapide aufwärts mit Cinefantastique. Neben den Rezensionen aktueller Filmproduktionen machte sich das Magazin vor allem durch die sehr detaillierten Retrospektiven von Genreklassikern oder umfangreiche Portraits von Filmemachern einen Namen, die nicht selten mehr als zwanzig Seiten Umfang hatten. Biografien wie beispielsweise «The Films of Terence Fisher» aus Volume 4 # 3 (26 Seiten Umfang) oder auch ein kaum Wünsche offenlassender Artikel über Alfred Hitchcocks The Birds (22 Seiten Umfang) konnten nicht nur die Leserschaft begeistern, sondern erweisen sich auch heute noch als filmhistorisch wertvolle Quellen... immerhin kamen zum Teil Filmemacher zu Wort, die den renommierten Blättern nicht relevant genug für eigene Artikel erschienen. Neben der hohen inhaltlichen Qualität legte Frederick S. Clark auch immer immensen Wert auf das optische Erscheinen seines «Babys». So wartete Cinefantastique ab der dritten Ausgabe immer mit einer farbigen Titelseite auf, und beinhaltete ab der siebten Ausgabe sogar - für ein Fanzine dieser Zeit ein absolutes Novum - einzelne Farbseiten im Innenteil. Auch der Werbeanteil war auf ein Minimum beschränkt, um dem Leser möglichst viel Lesestoff bieten zu können. Bis auf einzelne Seiten über noch erhältliche Back Issues aus dem «CFQ Bookshop» gab es in den ersten Jahren nur wenig Werbeanzeigen von Fremdfirmen.

Der durch den Krieg der Sterne ausgelöste Science Fiction-Boom löste 1977 auch bei Cinefantastique einen grossen Zuwachs an Lesern aus. Das Genre trat endlich aus dem Schatten hervor und wurde nicht zuletzt dank Spielbergs Unheimlichen Begegnung der Dritten Art und Ridley Scotts Alien zu einem Kassenmagneten. Speziell zu Star Wars veröffentlichte Clarke die erste einer ganzen Reihe von Doppelausgaben (Volume 6 # 4 / Volume 7 # 1), in der alle namhaften Beteiligten an dem Film interviewt wurden - ausgerechnet bis auf George Lucas, der wegen einiger bissigen Kommentare in früheren Ausgaben nicht besonders auf Frederick S. Clarke zu sprechen war. In den folgenden Jahren erschienen unter anderem Doppelausgaben zu Dune - Der Wüstenplanet, Blade Runner oder auch Conan - Der Barbar. Ein echtes Highlight der gesamten Cinefantastique-Geschichte bildete die Doppelausgabe Volume 8 # 2 / Volume 8 # 3, die sich mit Alarm im Weltall auseinandersetzte. Mitte der 1980er Jahre gelang es Clarke, die Auflage durch den Wechsel zu einem anderen Vertrieb auf 25.000 Exemplare zu erhöhen.

Die «kompromisslose» Berichterstattung von Clarke und seinen Mitarbeitern zog in diesen Jahren allerdings auch Nachteile nach sich. Filmemacher fanden in Cinefantastique immer wieder Inhalte, die niemals für die breite Öffentlichkeit gedacht waren. So plauderten manche der interviewten Peronen freimütig ihren Mißmut über ihre Berufskollegen aus und entdeckten dies dann wenige Wochen später schwarz auf weiss abgedruckt wieder. Neben dem bereits erwähnten George Lucas gehört auch Steven Spielberg nach einem wenig freundlichen Artikel über dessen geplatztes Night Skies-Projekt zum Kreis der Cinefantastique-Boykottierer. Für einen waschechten Skandal sorgte Cinefantastique dann 1983, als man noch vor dem Kinostart von Die Rückkehr der Jedi-Ritter die wahre Identität von Darth Vader hinausposaunte. Dem Ruf des Magazins konnte dieses Verraten des damals bestgehütetsten Geheimnisses Hollywoods nicht schaden - aber Clarkes Briefkasten dürfte für einige Zeit mit unfreundlicher Leserpost gut gefüllt gewesen sein.

Spoileralarm!

Frederick S. Clarke wich auch trotz dieser «Pannen» nicht von seinem Kurs ab. Er stiess dabei nicht nur der Filmindustrie vor den Kopf, sondern auch seinen Mitarbeitern. Kurz gesagt... er war als Herausgeber ein Visionär, im Umgang mit seinen Kollegen jedoch ein Tyrann. Beiträge der Co-Autoren wurden ohne Absprachen zum Teil heftig gekürzt oder sinnentstellend editiert, um die Entlohnung der Autoren zu senken. Eine von Steve Rubin verfasste Retrospektive zum Klassiker Die Zeitmaschine, die eine komplette Doppelausgabe füllen sollte - wurde ersatzlos gestrichen. Bildmaterialien, die als Leihgaben an Clarke gesendet wurden, fanden nie mehr den Weg zu ihren Besitzern zurück, sondern wanderten in die private Sammlung des Herausgebers. Als Krönung des Ganzen liess Clarke frühere und längste ausverkaufte Ausgaben nachdrucken und verkaufte diese dann für teures Geld, ohne sie als Reprints zu deklarieren! Eigentlich ist es daher unverständlich, dass sehr viele heute namhafte Autoren ihre Tätigkeit ausgerechnet bei Cinefantastique begannen. So schrieb Tim Lucas, Herausgeber des Video Watchdog, im Alter von gerade einmal fünfzehn Jahren seinen ersten Beitrag für Clarkes Magazin. Zu den anderen Autoren zählen Don Shay, späterer Gründer des Spezialeffekt-Magazins Cinefex, Regisseur Mick Garris (Das letzte Gefecht) sowie die Filmhistoriker Bill Warren (Keep Watching the Skies! American Science Fiction Movies of the Fifties), Alan Jones (Profondo Argento: The Man, The Myths And The Magic) und Stephen Rebello (Alfred Hitchcock and the Making of Psycho). Einer der Gründe, der heutzutage von ehemaligen Cinefantastique-Mitarbeitern aufgelistet wird, war die völlige Unabhängigkeit von der Filmindustrie. Während positive Rezensionen bei anderen Publikationen gerne «eingekauft» wurden, zeigte sich Clarke völlig immun gegen solche Angebote und Lockversuche.

Mein Mad Mags

Creepy Images #4

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