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Ein Artikel von Christian Lorenz

Eigentlich sollte man ja davon ausgehen, daß sich die Gesetzgeber an jene Vorschriften zu halten haben, die sie selbst unter heftiger Einwirkung von Kaffee und Nikotin erdacht haben. So verkündet unter anderem das Grundgesetz, daß hierzulande jegliche Form der Zensur verboten ist. Doch bekanntlich ist unsere Republik ein Land der Gummiparagraphen. Da ist es nicht verwunderlich, daß man an anderen Stellen des Gesetzbuches wiederum Hintertürchen findet, die jenes Zensurverbot in gewissen Fällen entkräftigen, bzw. gleich ganz aushebeln. Zensur findet also durchaus statt... wenn auch häufig unter dem Deckmantel des «Jugendschutzes»! Wie weit staatliche Zensurmaßnahmen in unseren Alltag eingreifen, ist uns dabei nicht bewußt. Zwar ärgert man sich als Filmfan des öfteren über verstümmelte Filme, doch das wahre Ausmaß ist wesentlich größer. «Anstößige» Literatur wie die Bettgeschichten der Josephine Mutzenbacher sind den Sittenwächtern ebenso wie die äusserst gewalttätigen Unternehmungen eines American Psycho ein Dorn im Auge, und selbst deftige, aber im Prinzip harmlose Comics wie Bullenklöten von Kondom des Grauens-Erfinder Ralf König bleiben von staatsanwaltlichen Eingriffen nicht verschont.

Ab 18 Band 1

Mit Ab 18 - zensiert, diskutiert, unterschlagen haben Kunsthistoriker Dr. Roland Seim und Soziologe Dr. Josef Spiegel erstmals 1995 eine spannende und informative Dokumentation über unzählige, teils unglaubliche Eskapaden deutscher Zensurbehörden veröffentlicht. Das im Telos-Verlag erschienene Werk entstand als Katalogbuch zu einer Ausstellung, die vom Kulturbüro Münster und dem Institut für Soziologie der Westfälischen Wilhelms-Universität veranstaltet wurde, und gehört mittlerweile zum Pflichtprogramm für jeden, der sich ernsthaft mit dem Thema «Zensur» auseinandersetzen möchte. Ab 18 beginnt mit einem Ausflug in die Vergangenheit, in der in erster Linie die kirchlichen Institutionen mit allen Mitteln «abweichendes» Gedankengut verboten. Der erste Filmkuss im Jahre 1896, der zu seiner Zeit einen riesigen Skandal auslöste, wird ebenso behandelt wie die Vernichtung «volkszersetzender Schriften» im Dritten Reich. Ergänzt wird dieser historische Abriß mit einem kurzen Blick nach Amerika, wo beispielsweise der 1921 eingeführte «Hays-Code» die künstlerischen Freiheiten der Filmemacher bis in die späten 60er Jahre rigoros einschränkte. Auf unterhaltsame Art wird dem Leser verdeutlicht, wie sich die ethischen Vorstellungen im Lauf der Vergangenheit verändert und wie sich die Tätigkeiten der Moralapostel den neuen Medien angepasst haben. Der Schwerpunkt des Buches liegt allerdings auf der gegenwärtigen Situation in Deutschland... und da gibt es jede Menge aus den Bereichen der Literatur, Film, Kunst und Politik zu berichten. Aufgelockert wird das Werk mit zahlreichen Abbildungen, die den Unterschied zwischen zensierten und unzensierten Objekten schnell deutlich werden lassen. Im zweiten Teil von Ab 18 kommen Personen zu Wort, die mit «anstößigen» Werken selbst in die Mühlen der Justiz geraten sind. Dazu gehören Jörg Buttgereit, der durch seinen Tabubrecher Nekromantik 2 als erster deutscher Filmemacher wegen Verstosses gegen §131 angeklagt wurde, und die Musiker der Angefahrenen Schulkinder, die sich wegen ihrem Song I wanna make love to Steffi Graf vor Gericht verantworten mussten und diesen ohnehin schon kuriosen Fall mit einer ironischen Presseerklärung vollends ins Lächerliche zogen. Der dritte Teil des Buches widmet sich in Form einer umfangreichen Sammlung von Bildmaterial auf etwa siebzig Seiten konkreten Beispielen der letzten Jahre. Unkommentiert werden Zitate aus verbotenen Büchern, Abbildungen von Comics und Plattencovern sowie die dazugehörigen Gerichtsurteile abgedruckt, so daß sich der Leser selbst ein eigenes Bild von den mitunter fragwürdigen Beschäftigungen deutscher Gerichte machen kann.

Ab 18 - zensiert, diskutiert, unterschlagen ist eine unentbehrliche und objektive Dokumentation über die hierzulande gerne totgeschwiegene Zensur. Durch den flüssigen Schreibstil ist das Buch trotz des wissenschaftlichen Anspruchs leicht verständlich, und bei besonders kuriosen Fällen spart man auch nicht mit dem einem oder anderen bissigen Kommentar. Von den teils peinlichen Meinungsäusserungen, über die man in manchen Internet-Foren zum Thema Filmzensur stolpert («Fuck Censorship!») und den leider häufig meinungsbildenden Wucherungen der Boulevardpresse zum Thema «Gewalt in den Medien» ist Ab 18 meilenweit entfernt. Ohne den erhobenen moralischen Zeigefinger wird über Sinn und Unsinn der Zensur berichtet, das Urteil über die Berechtigung von Zensur bleibt dem Leser überlassen.

Wer nach dem Lesen des ersten Bandes noch immer nicht genug über die Zensur in der deutschen Kulturgeschichte erfahren hat, dem kann Der kommentierte Bildband wärmstens ans Herz gelegt werden. Wie der Titel dieses Ergänzungsbandes bereits vermuten lässt, handelt es sich hier in erster Linie um eine umfangreiche Materialsammlung, die verschiedenste Reproduktionen verbotener und «anstössiger» Medien darstellt. Neben weiteren strittigen Texten, brisanten Plattencovern und verbotenen Filmen gehen die Autoren hier auch auf das Internet und die häufig ins Visier der Jugendschützer geratenden Computerspiele ein. So bleiben sowohl die rechtlichen Querelen um die Ego-Shooter Doom, Quake und Wolfenstein-3D ebensowenig unerwähnt wie das Entfernen des World Trade Centers im Microsoft Flight Simulator nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Ein weiteres Thema in Ab 18 Band 2 bildet die Zensur von Comicstrips. Auch hier schlagen die deutschen Rechtsverdreher rigoros zu, wenn der Anteil an gezeichneter Gewalt und entblößter Haut die üblichen Lesegewohnheiten eines Disney-Fans zu sprengen droht.

Dieses Buch ist die perfekte Ergänzung für den ersten Zensurband und eine ebenso lehrreiche wie auch nachdenklich machende Lektüre. Für weitere Recherchen hält Ab 18 Band 2 zudem Links zu Internetseiten bereit, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Leider ist es bei der Schnelllebigkeit des World Wide Web nicht auszuschliessen, dass einige der erwähnten Surftipps in der Zwischenzeit ins Leere führen. Bleibt nur zu hoffen, dass beide Bücher nicht selbst eines Tages in die Mühlen des Gesetzes geraten, wie es zuvor mit mit der Dokumentation Comic-Striptease - Sex und Porno im Comic-Strip geschehen ist, die in den Siebziger Jahren wegen einiger Abbildungen aus «obszönen» Bildgeschichten selbst auf den Jugendschutz-Index geriet! Interessant dürfte speziell auch auf diesem Gebiet auch das 1996 erschienene Buch Comic: Zensiert  sein. Auf rund 180 Seiten werden hier teils unglaubliche Fälle aufgedeckt... angefangen von dem Entfernen von Revolvern in Disneys Entenhausen-Comics bis zum Überbalken allzu detailfreudiger Bilder in Serpieris Morbus Gravis-Reihe.

Ab 18 Band 2 & Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen

Während die drei oben genannten Bücher sich auf eine lockere Art (unter anderem durch sehr viele Illustrationen) mit der «Zensur» beschäftigen, beleuchtet Roland Seim das Thema in Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen von der wissenschaftlichen Seite. Was nicht verwundert, denn immerhin handelt es sich bei diesem Werk um die Doktorarbeit des mittlerweile als «Zensurforscher» bekannt gewordenen Autors. «Wissenschaftlich» ist aber keineswegs gleichzusetzen mit «langweilig», denn dieses Buch ist nicht weniger spannend als die Ab 18-Bücher. Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen beginnt mit einer genauen Analyse dieses oft missverständlich benutzten Begriffes, der in vielfältiger Weise unseren Alltag beeinflusst. Wirtschaftliche Interessen, politischer Druck und freiwillige Selbstzensur von Kulturschaffenden aufgrund gesellschaftlicher Normen spielen hier ebenso eine Rolle wie die Machtinstrumente des Jugendschutzes, die unsere Medienlandschaft mit einem wachsamen und einem schlafenden Auge im Visier haben. Auch die wichtigsten Rechtsgrundlagen der Zensur werden dabei durchleuchtet, beginnend bei den Bestimmungen des Grundgesetzes (Menschenwürde, Recht auf freie Meinungsäußerung) bis hin zum berüchtigten Paragraphen 131, der vor allem beim aufstrebenden neuen Massenmedium Video zu Beginn der 80er Jahre eine unübersehbare Schneise in das Angebot einiger Videotheken geschlagen haben dürfte. Im Anschluss an diese etwa vierzig Seiten umfassende Darstellung der juristischen Ebene in Deutschland stellt Seim die zahlreichen Kontrollgremien wie die «Freiwillige Kontrolle der Filmwirtschaft (FSK)» und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPJS)» vor, denen die Aufgabe zusteht, sämtliche Erzeugnisse der Medien auf etwaige Verstösse zu überprüfen und gegebenenfalls zu bereinigen. Doch auch die im Schatten dieser Einrichtungen stehenden, kaum bekannten Institutionen wie der «Deutsche Presserat», der «Deutsche Werberat» oder die «Katholische Filmkommission» bleiben nicht unerwähnt.

Der zweite Teil des Buches widmet sich konkreten Fällen aus der deutschen Geschichte. Ähnlich wie in den beiden Ab 18-Bänden stößt man auf zahlreiche Beispiele, über die man teils schmunzeln, hin und wieder aber auch die Haare raufen kann. Selbstverständlich werden dabei aber auch Fälle angesprochen, bei denen eine Zensur durchaus angebracht erscheint - etwa wenn es um Kinderpornographie oder rechtsextreme Schriften geht. Die Grenzen zwischen freier Meinungsäußerung und einer Überschreitung des Gesetzes stellen oftmals eine schmale Gratwanderung dar. Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen begeht allerdings nicht den Fehler, dem Leser eine Meinung aufzudrängen oder in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Seim überlässt es somit der Leserschaft, sich selbst Gedanken über Sinn und Unsinn bestimmter Zensurfälle zu machen und stellt für diesen Zweck einen unverzichtbaren Leitfaden mit unerschöpflichem Informationsgehalt bereit. Abgerundet wird das Buch mit einem Blick zu unseren europäischen Nachbarn und nach Amerika, wo man bekanntlich weniger Probleme mit der Darstellung von Gewalt, dagegen aber mit dem Präsentieren nackter Tatsachen hat.

Es sollte jedem Leser klar sein, dass dieses Buch wegen der Thematik keine Lektüre «für zwischendurch» darstellt. Wer sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, der sollte daher erst einmal einen Blick in eines der Ab 18-Bücher riskieren. Mit Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen gibt es zur  Zeit gibt es keine umfassendere und detailreichere Dokumentation über das fröhliche Zensurtreiben in unserem Lande. Auch in den nächsten Jahren werden sich die Aktivitäten unserer staatlich anerkannten Sittenwächter gewiss nicht ändern. Immerhin dürfte aber so mancher Leser dieser Bücher zukünftig bei manchen Publikationen ein wenig genauer hinschauen, um mögliche Manipulationen zu entlarven.

Mein Mad Mags

Creepy Images #4

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